1. Brief des Psychiaters Dr. Buntner an seinen Kollegen:

Sehr geehrter Herr Kollege!
Seit kurzem behandle ich eine Patientin, Frau Olga N., die von dem Zwang besessen ist, ständig wandern zu müssen. Sie kann kaum fünf Minuten still stehen, und selbst nachts kann sie nicht durchschlafen, da sie jede Nacht mindestens dreimal aufsteht, um spazieren zu gehen. Zur Zeit bekommt sie Antidepressiva und ist bei mehreren Psychotherapeuten in Behandlung, trotzdem erbitte ich Ratschläge zum weiteren Vorgehen. Vor kurzem bat ich sie, mir in einem Aufsatz den Grund für ihren ständigen Wanderdrang zu schildern, und geschrieben hat sie folgendes:
Unterwegs,
das war ich.
Ständig unterwegs.
Und ständig auf der Suche.

Doch auf der Suche wonach?

Ich hatte keine Ahnung, wie lange der Weg sein würde, den ich beschritt. Auch wußte ich nicht, wohin er mich führte, aber ich hatte nun einmal beschlossen, diesen Weg zu nehmen, und dabei würde ich bleiben.
Streckenweise war er sehr steil und anstrengend, manchmal auch steinig, aber das störte mich nicht. Ich mußte diesen Weg gehen, denn es war mein Weg. Ich mußte ihn gehen, bis zu einem unbekannten Ziel, und ich hoffte, es bald zu finden.
Hin und wieder gabelte sich der Pfad, und ich wußte nicht wohin, denn Hinweisschilder gab es keine; dennoch war ich zuversichtlich, daß ich immmer die richtige Abzweigung nehmen würde.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie das Wetter war, erinnere mich an keine Blume am Wegrand, keine Quelle, die mich erfrischte. Ich erinnere mich nur daran, ständig gegangen zu sein, und an diese entsetzliche Einsamkeit, an die erinnere ich mich auch noch. Zeitgefühl hatte ich keines, und so wußte ich nicht, ob ich Jahre, Tage, oder nur Minuten allein wanderte. Zwar verlief hin und wieder ein Weg parallel zu meinem, und ich rief den Wanderern dort einen Gruß zu, aber auf meinem Weg war mir noch niemand begegnet.
Und da, gerade als ich einen besonders steilen, steinigen Hügel erklommen hatte, sah ich diese Gestalt. Es war ein Mann, ungefähr in meinem Alter, und er stand oben auf dem Hügel, am Wegrand, und schien auf mich zu warten. Das helle Licht leuchtete in seinen Haaren, und zum ersten Mal in meinem Leben bemerkte ich, daß die Sonne schien. Je näher ich kam, desto mehr schien sich die Gestalt zu freuen, sie winkte mir zu und lachte. Und ich winkte zurück, freute mich auf den ersten Menschen, dem ich begegnete.
"Hallo", sagte er schließlich, als ich vor ihm stand. "Ich habe auf dich gewartet."
Ich fragte ihn nicht, was er hier machte, auf meinem Weg, ich war nur froh, nicht mehr allein zu sein. Wir setzten uns in die Wiese, und ich genoß es, die Sonne auf meiner Haut zu spüren und die Vögel singen zu hören. All diese Dinge hatte ich nie bemerkt, während ich wanderte, hatte nie den Wind gespürt, der mir durchs Haar strich. Die Luft roch nach Frühling, und ich war so glücklich, daß ich beinahe vergaß, auf der Suche zu sein. Doch als ich gedankenverloren den langen Weg entlang blickte, den ich gekommen war, bemerkte ich, daß er noch nicht endete, daß ich das Ziel noch nicht gefunden hatte. Ich wollte nicht weitergehen, denn ich fühlte mich geborgen hier, aber ich mußte mein Ziel suchen. Mit größter Anstrengung stand ich auf: "Ich muß gehen", sagte ich, und Tränen schossen mir in die Augen bei dem Gedanken, mich verabschieden zu müssen.
"Bleib doch noch", bat die Gestalt, und sie sah auf einmal seltsam traurig aus.
Ich schüttelte den Kopf, erklärte, ich müsse ein Ziel finden, von dem ich weder wisse, wo es war, noch was es war.
Die Gestalt zögerte kurz, dann schlug sie vor, mich zu begleiten und mit mir gemeinsam zu suchen. Doch jetzt fühlte ich eine seltsame Wut in mir aufsteigen. Wer war dieser Mensch denn, daß er sich einbildete, auf meinem Weg ein Ziel zu suchen? Wie lange war ich schon gelaufen, wie sehr hatte ich mich angestrengt! Und jetzt kam er daher, ein Fremder, ein Eindringling auf meinem Weg, und wollte sich den Triumph mit mir teilen. Ich sah nicht mehr den willkommenen Gefährten, der er mir gewesen war, dachte nicht mehr an die wunderschöne Pause, die wir gemeinsam verbracht hatten, ich sah ihn nur als Schmarotzer, der mir den Sieg streitig machen wollte. Ich brüllte ihn an, er solle verschwinden, meinen Weg verlassen, und sein eigenes Ziel suchen. Ich hörte seinen leisen Einwand nicht, wir könnten das selbe Ziel haben, schrie seine Worte einfach nieder.
Und dann war er leise.
Ich ging.
Ich fühlte noch, wie er mir mit traurigem Blick nachsah, bis ich verschwunden war, hörte die Stimme, die mich zurückrief, aber ich ging stur weiter.
Der Weg war lang und steinig.
Ich hatte Blasen an den Füßen, die Sonne schien nicht mehr, und ich war so allein. Trotzdem ging ich weiter, beschleunigte sogar das Tempo, bis ich glaubte, zusammenbrechen zu müssen. Aber der Weg war noch so lang, ein Ende war nicht abzusehen.
Und plötzlich kam mir die schreckliche Erkenntnis: Es gab kein Ziel.
Das Ziel war nicht das Ende, es lag unterwegs. Das Ziel war er.
Panisch vor Furcht lief ich zurück, ohne auf meine Blasen und auf meine stechenden Lungen zu achten, aber er war verschwunden. An der Stelle, an der er gestanden hatte, wuchs eine kleine Blume, die ich pflückte und einsteckte.
Kleine Blume Erinnerung.
Für einige Zeit stand ich wie ohnmächtig da, brach zusammen, weinte. Dann, irgendwann, rappelte ich mich auf und ging den Weg langsam weiter. Vielleicht würde er ja doch noch kommen, ich mußte ihn suchen, jede Abzweigung nehmen. Irgendwo mußte er doch sein.
Und so kommt es, daß ich wandere, ständig wandere. ich suche ihn, andauernd, wandere auf Landstraßen, Plätzen, in Fußgängerzonen und auf Autobahnen, während ich ständig damit rechne, ihn wiederzufinden. Unterwegs,
das bin ich.
Ständig unterwegs.
Und ständig auf der Suche.

Auf der Suche nach dem,
was ich einst verloren.
Ich glaub' nicht, es wiederzufinden,
doch hat mein Herz Hoffnung geboren.

2. Brief Dr. Buntners an seinen Kollegen:

Sehr geehrter Herr Kollege!
Vielen Dank für die Ratschläge, die Sie mir letzte Woche in Bezug auf meine neue Patientin, Frau Olga N., geschickt haben. Leider muß ich Ihnen mitteilen, daß diese Patientin vorgestern plötzlich und unerwartet aus dem Leben geschieden ist. Obgleich sie noch sehr jung war, ist sie doch eines natürlichen Todes gestorben, ein Selbstmord ist auszuschließen. Auch war sie körperlich sehr gesund, und obwohl ihr Tod wohl nie restlos geklärt sein wird, kann man annehmen, daß sie an Schlafmangel verstarb. Hinterlassen hat sie nur einige Zeilen, die ich beilege, die aber nichts über die Todesursache aussagen:

Unterwegs,
das war ich.
Ständig unterwegs.
Und ständig auf der Suche.

Auf der Suche nach dem,
was ich doch nie mehr fand.
Doch mein Weg ist zu Ende,
im Herz jedes Weh jetzt verbannt.

(Aus: "Sonnenregen", Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt 2002.)