Es gibt eine Menge Dinge, die ich nicht mag. Ein ungepflegtes Äußeres zum Beispiel, wie ungewaschene Haare oder ungeschnittene Fingernägel. Wenn ich einen meiner Bekannten so rumlaufen sehe, werde ich grantig.
Aber so richtig narrisch werd' ich erst, wenn man mir am Klo nicht meine Ruhe läßt. Das Klo ist für mich immer eine Oase der Ruhe, wo ich über alles mögliche nachdenke, lese oder einfach abschalte. Ich gehöre sonst wahrlich nicht zu den Menschen, die ein geruhsames Leben führen, aber in meinen Klogehphasen will ich einfach nicht gestört werden.
Heute zum Beispiel stehe ich vor der Tür zu besagten Räumlichkeiten und überlege gerade, ob ich meinen neuen Stephen King mit rein nehmen soll oder nicht. Ich entscheide mich dagegen, trete aber trotzdem voll Elan ein und widme mich ganz dem Zweck, diesen Raum um einiges leichter zu verlassen. Naja, wie ich so am Häusl sitze, läutet das Telefon. Erst denk' ich mir, es wird schon irgendwer rangehen, aber dann fällt mir ein, daß meine Mutter im Keller und mein Bruder außer Haus ist. Ich beginne zu fluchen; einen kurzen Moment bin ich versucht, es einfach läuten zu lassen, aber es könnte ja Brad Pitt am andren Ende der Leitung sein. Möglich ist alles. Ich springe also auf, ziehe die Hose hoch und poltere die Treppe hinunter. (Das Klo ist im 1. Stock, aber das Telefon im Erdgeschoß.) Letzteres geht nur relativ langsam, weil ich mich beim Turnen verletzt habe und zumindest in der Schule noch mit Krücken marschiere. Derweil ich im Rekordtempo den Gang entlanghumple, läutet das Telefon brav weiter. Schließlich hab' ich es endlich erreicht und reiße den Hörer von der Gabel, aber wie ich "Hallo" sagen will, höre ich, wie der andere auflegt. Ziemlich grantig marschiere ich die Treppe wieder hinauf, um meine unterbrochene Tätigkeit fortzusetzen. Doch kaum hat mein Hintern das Brettl berührt, fängt das Telefon wieder an zu bimmeln. Ich springe erneut auf und zerre an meiner Hose, da höre ich, daß meine Mutter vom Keller hinauf kommt. Soll sie doch gehen. Meine Großmutter ist dran und meine sonst so liebevolle Mutter brüllt nur in den Hörer, sie solle in fünf Minuten wieder anrufen. Dann brüllt sie zu mir herauf, ich solle mich beeilen und den Anruf entgegennehmen, Sekunden später höre ich die Haustüre krachen. Sie scheint es ziemlich eilig zu haben. Auch ich beschließe, mich zu sputen und meinen Klobesuch nicht wieder in so ein Dreißig - Minuten - Ding ausarten zu lassen. Schade. Nach einer weiteren Schweigeminute am Häusl und einer Minute im Bad (zum Händewaschen) watschle ich wieder die Treppe hinunter und setze mich gegenüber vom Telefon auf einen Hocker. Aber das Ding klingelt nicht. Nach einer Weile wird mir die Warterei zu blöd und ich angle nach einer Schüssel Salat, obwohl ich das Grünzeug normal nicht leiden kann. Schmeckt doch nur nach Wassern und Fasern, aber immerhin ist es gesund. Um den Wasser - Fasern - Geschmack zu übertünchen, gieße ich noch reichlich Apfelessig drüber. Außerdem soll Essig schön machen, was auch kein Nachteil ist. Während ich esse, stelle ich fest, daß ich zuviel des Guten getan habe: Der Salat ist total sauer, trotzdem würge ich ihn brav runter. Als ich fertig bin, ist mein Gesichtsausdruck mindestens so sauer wie der eben gegessene Salat, weil das Telefon noch immer nicht geklingelt hat. Ewig will ich ja auch nicht da hocken und auf den Anruf warten, immerhin hab ich noch zu tun, Computerspielen und so. Just in dem Moment, als ich mich wieder nach oben begeben will, klingelt es.
"Hallo?" Meine Stimme ist anfangs etwas genervt, als ich mit meiner Großmutter rede, aber sie kann ja nichts dafür, also habe ich mich bald wieder in der Gewalt und unterhalte mich mit ihr über alles mögliche. Dabei knabbere ich an meiner vom Essig malträtierten Lippe und bin mir ziemlich sicher, daß ich vor dem Salatessen schöner ausgesehen habe. (Von wegen Essig macht schön!) Irgendwann lasse ich meine Lippe sogar in Ruhe und beiße auf meinem Fingernagel weiter, wobei ich den dunklen Nagellack herunterknabbere und mich selber darüber ärgere.
Nach dem Telefongespräch rette ich noch einer Mücke das Leben, die ich zufällig im Essiglackerl meiner Schüssel landen sehe, dann gehe ich die Treppe hinauf in mein Zimmer. Aber im Zimmer verhält es sich auch nicht anders als auf dem Klo: kaum hat mein Hintern den Schreibtischsessel berührt, höre ich das Telefon klingeln. Ich hebe den Kopf und lausche. Ich will jetzt nicht aufstehen, aber ich habe ja keine Wahl. Stehe ich also noch mal auf und stolpere die Treppe hinunter. So circa bei der Hälfte merke ich, daß es gar nicht unser Telefon ist, das läutet. Es ist das der Nachbarin.