Schwarze Nacht, dunkel und kalt.
Doch der Atem, der meinen Lippen entweicht, geräuschlos und doch ein Schrei nach Leben, ist weiß. Das Spiel wirkt grotesk, der kalte Lufthauch reißt die Wolke fort von meinem Mund und sie verflüchtigt sich, irgendwohin.
Nirgendwohin.

Wieder ist es dunkel, ein erneutes Atemschöpfen folgt. Das Spiel wiederholt sich.
Keine Sterne, die zusehen, niemand.
Ich bin allein, die Luft ist dunstig, man kann den Himmel nicht sehen. Irgendwo fernab der Schein von Laternen und erleuchteten Fenstern.
Aber wo ich bin, ist Dunkelheit.
Erneut durchfährt mich die Kälte, dringt stärker in mein Bewußtsein. Wieder verdränge ich sie. Ich will sie nicht wahrhaben, will sie nicht fühlen.
In meinem Hinterkopf, verschleiert wie die Sterne heute nacht, lauert das Bewußtsein, daß mir einst nicht so kalt war. Einst warst du da.

Ich fühle mich zu stolz zum Weinen, und fest entschlossen, meine Gefühle zu verscharren, bleibt mein Auge trocken.
Die Tränen fließen nach innen.
Sie sind heiß, ein wenig wärmen sich mich, während die Erinnnerung mich bittersüß überkommt, und die Luft meine Träume hinfortbläst wie die Wolkenfetzen meines Atems. Doch die Träume scheinen schwerer zu sein als jener weiße Hauch, denn nur allzu bald läßt der Wind sie los. Sie fallen.
Ich falle.

Der Aufschlag ist hart, eine unwillkommene Berührung mit dem Boden der Wirklichkeit, jede Faser in meinem Körper schmerzt davon. Während ich dasitze und den Kopf in die Hände stütze, um den Schmerz einzudämmen, verliere ich kurz die Kontrolle über mich selbst, und meinen Lippen entfährt ein leises Flüstern.
"Ich liebe dich."
Der Wind trägt die Worte hinfort, wie alles andere zuvor, zerstreut sie, aber es ist egal. Du wirst sie sowieso nicht hören; es ist zu spät.
Bei diesem Gedanken verstärkt sich der Druck in meinem Inneren, und eine vereinzelte Träne sucht sich den Weg nach draußen zu bahnen. Teils beschämt, teils trotzig schließe ich die Augen, dränge sie zurück, stehe auf.

Ich muß weitermachen, weiterleben wie bisher, wieder glücklich werden. Bei letzterem lacht mein Herz laut und spöttisch auf, fragt mich, wie lange ich das denn nun schon versuche.
Ich gebe nicht gleich eine Antwort. Ewig.
Aber ich muß versuchen, stark zu sein, denn irgendwann wird die Sonne aufgehen, nicht nur für die Welt, sondern auch für mein Herz, irgendwann wird der Frühling kommen.

Noch einmal wird der Druck in mir stärker, die kleinen Teiche in meinen Augen drohen überzugehen, da wende ich mich endgültig um und gehe nach Hause, immer gleichmäßigen Schrittes, die kleinen, weißen Atemwölkchen vor mir. Stumm, beinahe tröstend, aber doch ein Schrei, ein Zeichen, daß ich noch lebe.
Die Nacht ist dunkel und kalt.

(Aus: "...und jeder Stern ein Traum von Dir", Verlag Johannes Heyn)